Der Lindenplatz in der Stadt Zürich ist eine typische 10-Minuten-Nachbarschaft. Bild: Reto Schlatter

26.05.2026

Wohnen, arbeiten, leben: alles im Umkreis von 500 Metern

Sind 10-Minuten-Nachbarschaften die Zukunft unserer Städte? Kurze Wege, lebendige Quartiere und weniger Verkehr: Das Konzept der 10-Minuten-Nachbarschaften verspricht eine nachhaltigere und lebenswertere Stadt. Und es könnte sogar ein Mittel gegen die Wohnungsnot sein. Am Beispiel des Zürcher Lindenplatzes zeigt Raumplanerin Sibylle Wälty, wie die Idee funktioniert. 

Der Platz ist gepflastert und eingekreist von Cafés, einem Hotel, Lebensmittelläden, einem Kiosk, einer Apotheke und diversen weiteren Geschäften. Kleider, Fotozubehör, Blumen und Schmuck gibt es zu kaufen. In den Obergeschossen der Gebäude finden sich Ärzt*innen, Physiotherapeut*innen, eine Bibliothek und Büros. In unmittelbarer Nachbarschaft stehen eine Kirche und Wohnhäuser, es gibt etwas Grün sowie weitere Geschäfte, Gastronomiebetriebe und Haltestellen für den öffentlichen Verkehr. Wer sich hier umschaut, erkennt die Schweiz. Es könnte ein Dorfplatz irgendwo in einer ländlichen Gegend sein oder eines der eher modernen Zentren in der Agglomeration. 

Tatsächlich befindet sich der Platz im Westen der Stadt Zürich. Der Lindenplatz ist das Herz und das Zentrum von Altstetten. Und er ist ein Ort, an dem Sibylle Wältys Idee gelebt wird – zumindest teilweise. Wälty ist Raumplanerin, Dozentin an der ETH Zürich und Expertin für nachhaltige Stadtentwicklung. Im Rahmen einer Forschungsarbeit entwickelte sie vor rund zehn Jahren das Konzept der 10-Minuten-Nachbarschaften. 

Eine Nachbarschaft mit 10'000 Bewohner*innen 

Die simple Definition der 10-Minuten-Nachbarschaften lautet: Alles, was man zum Leben braucht, ist innerhalb von zehn Gehminuten erreichbar. In einer solchen Nachbarschaft wohnen in einem Radius von rund 500 Metern im besten Fall mindestens 10'000 Menschen. Im Verhältnis von zwei Einwohnenden zu einer beschäftigten Person arbeiten zudem idealerweise 5000 Personen in der Nachbarschaft, ohne zwingend dort zu wohnen. Mit dieser Anzahl Menschen könne man das vielseitige Angebot, das man an einem Ort haben möchte, durch die Einwohner*innen und die Beschäftigten stützen, erklärt Sibylle Wälty. «Vereinfacht gesagt gibt es genügend Leute, die lokale Läden, Gastronomie, Freizeit-oder Gesundheitsangebote nutzen und zu deren Überleben beitragen. Die Nachbarschaft trägt und versorgt sich selbst.» In einer idealen Welt würde ein Teil der Menschen auch gleich noch in derselben Nachbarschaft arbeiten und so nicht pendeln müssen. 

Die Gegend rund um den Lindenplatz ist eine solche 10-Minuten-Nachbarschaft. In der Stadt Zürich erfüllt auch der Bereich rund um den Idaplatz im Kreis 3 die Kriterien. In Basel gibt es solche Nachbarschaften beispielsweise im Gundeldingen-oder im Matthäus-Quartier. Allerdings sind 10-Minuten-Nachbarschaften in der Schweiz bisher eher die Ausnahme. Wälty hat berechnet, dass heute nicht einmal ganz zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung in einem solchen Gebiet leben. 

Kurze Wege für nachhaltige Mobilität 

Wie das, was Sibylle Wälty erforscht hat, in der Praxis funktioniert, erklärt sie bei einem Spaziergang. Sie zeigt auf einen kleinen Bioladen entlang der Busstrecke zwischen Bahnhof Altstetten und Lindenplatz. Der Laden bietet einige Produkte für den täglichen Bedarf und Spezialitäten. Drinnen stehen mehrere Personen an, die ihre Einkäufe bezahlen möchten. Das Geschäft scheint zu laufen. Sibylle Wälty vermutet, dass ein Grossteil der Kundschaft aus der Nachbarschaft stammt. «Ich wage zu behaupten, dass dieser Laden mit seinem Angebot vermutlich nicht überleben würde, wenn hier nur die Hälfte der Leute leben würde.» Die Nachbarschaft trägt also das Angebot und profitiert davon. 

Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass eine Nachbarschaft gut ohne einen Bioladen auskommen würde. Dem stimmt auch Wälty zu. Aber das Prinzip der 10-Minuten-Nachbarschaften dreht sich nicht nur um ein vielseitiges Angebot. Es geht auch um weit grössere Themen. Um Nachhaltigkeit und Mobilität beispielsweise. Denn die kurzen Wege einer 10-Minuten-Nachbarschaft sollen dafür sorgen, dass die Bewohner*innen einer solchen Gegend im Grossen und Ganzen weder den öffentlichen Verkehr noch ein Auto benötigen, um Wege zum Einkaufen, zur Freizeitbeschäftigung oder zur Arbeit zurückzulegen. «Sie bewegen sich zu Fuss oder mit dem Velo fort. Das führt dazu, dass es weniger Verkehrsflächen braucht und man beispielsweise auch auf Parkplätze verzichten kann», erklärt die ETH-Forscherin. 

Zu wenig Bewohner*innen im Verhältnis zum Arbeitsplatzwachstum 

Aktuell leben wir hierzulande meist gegenteilig zur 10-Minuten-Nachbarschaft. Die Menschen arbeiten in Zentren und wohnen ausserhalb. Laut Erhebungen des Bundes pendeln acht von zehn Erwerbstätigen in der Schweiz zu ihrem Arbeitsort. Im Schnitt legen sie pro Weg 14 Kilometer zurück und benötigen dafür 30 Minuten. Die Folgen sind bekannt: volle öffentliche Verkehrsmittel und Stau auf den Strassen. «Wir haben in den letzten Jahrzehnten im Verhältnis zu den Arbeitsplätzen in den Zentren zu wenig Wohnraum ermöglicht. Das hat zur Verdrängung der Wohnbevölkerung in der Stadt und damit zu einer Zersiedlung geführt», so Wälty. Sie führt dazu das Beispiel der Stadt Zürich an. 2025 lebten in der Stadt rund 452'000 Menschen. Das sind so viele wie noch nie. Allerdings, so Wälty, hat die Stadt nur leicht mehr Einwohner*innen als in den 1960er-Jahren. Gleichzeitig gibt es heute in der Stadt Zürich fast 80 Prozent mehr Arbeitsplätze als damals. Ein Missverhältnis. Und der Hauptgrund, der dafür sorgt, dass der Wohnraum in der Stadt sowie der näheren Umgebung knapp und teuer ist. 

Auch hier setzt das Konzept der 10-Minuten-Nachbarschaften an. Mindestens so wichtige Grundsätze des Konzepts wie die kurzen Wege sind die haushälterische Bodennutzung und das Thema Wohnungsknappheit. Laut Sibylle Wälty könnten die 10-Minuten-Nachbarschaften gerade letztere durchaus entschärfen. Allerdings nur dann, wenn man die Regeln des Konzepts – 10'000 Bewohner*innen in einem Umkreis von 500 Metern – konsequent verfolgt. Dazu braucht es gemäss der Expertin in erster Linie mehr Wohnungen durch mehr Innenentwicklung. Also mehr Verdichtung. Die Wohndichte, wie man sie heute in Städten findet, reicht laut Wälty nicht aus. 

Stadtplanerin Sibylle Wälty. Bild: Sophie Stieger, zVg

Mehr Verdrängung als Verdichtung 

Sibylle Wälty ist analytisch und bedacht. In manchen Situationen wird sie jedoch kompromisslos, klar und direkt. Vor allem dann, wenn es um Bauprojekte geht. Rund um den Lindenplatz gibt es davon einige. «So etwas», sagt die Forscherin und zeigt auf ein eingerüstetes Gebäude gegenüber des Platzes, «ist eine verpasste Chance.» Das Haus, das Wälty meint, war ein viergeschossiger, in die Jahre gekommener Bau. Er wurde abgerissen und um ein Geschoss höher gebaut. Für Wälty zu wenig. Was hier geschehe, sei eher Verdrängung als Verdichtung. Der Grund: An diesem Ort kann nicht deutlich mehr Wohnraum entstehen, weil nicht mehr gebaut werden kann. Und so entsteht vor allem neuer und teurerer Wohnraum. Wälty: «Durch diesen Neubau verschwinden hier Wohnungen, die aufgrund ihres Alters bezahlbar waren. Im zusätzlichen Geschoss gibt es höchstens zwei bis drei zusätzliche Wohnungen.» Berechne man dann noch mit ein, dass der Flächenbedarf pro Person heute deutlich höher sei als noch vor 50 Jahren, sei sogar fraglich, ob im Neubau wirklich mehr Menschen leben. 

Das Beispiel steht sinnbildlich für etwas, was vielerorts in der Stadt Zürich oder in anderen Zentren passiere: «Es wird zwar abgerissen und neu gebaut, um Verdichtungspotenzial zu nutzen. Die gesetzlichen Vorschriften lassen jedoch nicht zu, dass dieses Potenzial den tatsächlichen zusätzlichen Bedarf an Wohnraum auch deckt.» Mit anderen Worten: Die Nachfrage nach zentralem Wohnraum bleibt damit grösser als das Angebot. Eigentümer*innen können so für ihre Neubauten an zentralen Lagen weiterhin hohe Preise verlangen, und viele Menschen müssen weiter hinausziehen, weg von ihrem Arbeitsort. 

Könnten 300'000 zusätzliche Menschen in Zürich leben? 

Für Wälty ist klar: Das einzige Mittel gegen den Wohnungsmangel in den Zentren ist qualitätsvolle Innenentwicklung und damit deutlich mehr Wohnraum an zentralen Lagen. Die Stadt Zürich, so findet die ETH-Dozentin, könnte über Jahrzehnte dadurch Platz für zusätzliche 300'000 Menschen bieten. Das äusserte Wälty in einem Interview mit dem Magazin Tsüri.ch. Die Raumplanerin ist überzeugt, dass so auch die Mieten in den Zentren nicht mehr oder weniger stark steigen würden. «Wächst das Angebot markant, sinkt der Nachfrageüberhang. Das nimmt Druck raus und kann dafür sorgen, dass die Preise sinken», sagt Wälty. Ausserdem betont die Forscherin: «Mehr ist mehr von allem.» Damit bezieht sie sich auf Klauseln, die beispielsweise in der Stadt Zürich vorschreiben, dass ab einer gewissen Anzahl Wohnungen, einer bestimmten Projektgrösse oder einer bestimmten Anzahl zusätzlicher Wohnungen bei einer Aufzonung ein Anteil preisgünstiger Wohnraum entstehen muss. «Die Rechnung ist einfach: Je mehr Wohnraum geschaffen wird, umso mehr entstehen auch preisgünstige Wohnungen», so Wälty. Und je mehr Menschen zentral leben, arbeiten und die Angebote nutzen, umso näher kommt man dem Konzept der 10-Minuten-Nachbarschaften. 

Neue Wege für bezahlbaren Wohnraum 

Wältys Plan mag in der Theorie schlüssig klingen, die Umsetzung ist aber nicht ganz einfach. Gesetzliche Vorgaben, aber auch der kritische Blick vieler Menschen auf das Thema Verdichtung stehen den 10-Minuten-Nachbarschaften entgegen. Wälty sieht ihren Plan als Einladung, um Stadtentwicklung neu zu denken. Für sie ist klar: Will man die Zersiedlung durch Innenentwicklung langfristig stoppen und dafür sorgen, dass es mehr bezahlbaren und preisgünstigen Wohnraum in Zentren gibt, wird man um ein Umdenken nicht herumkommen. Sie wünscht sich darum insgesamt mehr Mut. In der Stadt Zürich sei dieser aktuell bei der laufenden Revision der Bau-und Zonenordnung sehr gefragt. «Man muss auch neue Wege einschlagen können. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man erheblich mehr als heute zulässig und über bestehende Bauten bauen könnte? Dann wäre es auch mit einem Anteil preisgünstigen Wohnraums im Neubau immer noch wirtschaftlich, den Bestand zu belassen», sagt Wälty. 

Auf dem Weg vom Lindenplatz zum Bahnhof Altstetten schaut sich Sibylle Wälty immer wieder um. Es gibt hier einige Bauten, die neu entstanden sind, und mindestens so viele, bei denen demnächst eine Veränderung anstehen dürfte. Zwar sieht die ETH-Dozentin in der ersten Gruppe einige verpasste Möglichkeiten, blickt aber entschlossen nach vorn: «Wir müssen unsere Chancen nutzen. Nur durch mehr Wohnraumdichte lässt sich auch mehr preisgünstiger Wohnraum realisieren und gleichzeitig der Bestand nachhaltig erweitern.»