
Leerkündigungen kommen mittlerweile auch in kleineren Kantonen vor. Hier eine betroffene Siedlung in Beringen, eine Agglomerationsgemeinde im Kanton Schaffhausen. Foto: Robin Kohler
13.05.2026
«Die Preise explodieren, und immer mehr Menschen können sich das Wohnen nicht mehr leisten»
Die Wohnungsnot ist auch in kleineren Kantonen eine Realität. In Schaffhausen wird nun der Mieterinnen- und Mieterverband aktiv und fordert mit einer Initiative transparente Vormieten.
Linda De Ventura, Carmen Vlah, wie schnell finden Mieter*innen eine neue Wohnung im Kanton Schaffhausen?
De Ventura: Noch vor wenigen Jahren war der Wohnungsmarkt im Kanton Schaffhausen noch recht entspannt. Heute erleben wir eine völlig andere Realität: Für viele Mieter*innen ist die Wohnungssuche deutlich schwieriger, belastender und langwieriger geworden. Besonders Menschen mit normalem oder tiefem Einkommen, Familien, Alleinerziehende oder ältere Personen spüren, dass bezahlbare Wohnungen knapp geworden sind. Wer auf ein begrenztes Budget angewiesen ist, sucht oft monatelang. Das Problem ist dabei nicht nur die Anzahl verfügbarer Wohnungen, sondern vor allem, dass viele der ausgeschriebenen Wohnungen preislich für Familien und viele nicht mehr erreichbar sind.
Vlah: In den Beratungen merken wir oft, wie verzweifelt die Mietenden nach neuem Wohnraum suchen. Sie sind gezwungen, in Wohnungen zu leben, die viele von uns wahrscheinlich als kaum zumutbar bezeichnen würden. Oft trauen sich die Mieter*innen nicht, sich zu wehren, weil sie Angst haben, dass sie dann sogar dieses Zuhause verlieren.
Gibt es Unterschiede zwischen dem urbanen Zentrum und den Landgemeinden?
Vlah: Als ich vor bald drei Jahren meine Aufgabe als Geschäftsleiterin aufnahm, war die Lage noch sehr viel entspannter. Wenn die Menschen in der Stadt keine bezahlbare Wohnung fanden, wurden sie in der Regel in den Landgemeinden fündig. Heute trifft das nicht mehr zu. Auch in den Landgemeinden sind die freien Wohnungen mehrheitlich kleine und teure 2- bis 3-Zimmer-Wohnungen.
De Ventura: In der Stadt Schaffhausen ist der Druck besonders hoch, weil dort die Nachfrage konzentrierter ist und Arbeitsplätze, Infrastruktur sowie Verkehrsanbindungen viele Menschen anziehen. Dieser Druck wirkt sich aber seit ein paar Jahren auch auf die anderen Gemeinden aus. So liegt der Leerwohnungsbestand bei mehr als der Hälfte der Schaffhauser Gemeinden unter 1,5 Prozent. Die Mietkrise ist auch in Schaffhausen nicht mehr nur ein städtisches Problem, sie erfasst den ganzen Kanton.
Und wie sieht es mit den Preisen aus? Gibt es genügend bezahlbaren Wohnraum?
De Ventura: Ganz klar: Nein. Die Situation ist alarmierend. 2023 stiegen die Mieten in keinem Kanton so stark wie in Schaffhausen, und auch 2024 lagen die Anstiege erneut über dem Durchschnitt. Die Preise explodieren, und immer mehr Menschen können sich das Wohnen nicht mehr leisten. Und das auch, weil die gesetzlichen Regeln zur zulässigen Rendite nicht kontrolliert werden.
Vlah: Mir fällt auf, dass mehr Menschen aus dem Kanton Zürich nach Schaffhausen ziehen, weil wir im Vergleich zu Zürich nach wie vor günstigere Mieten haben. Die Löhne sind aber auch tiefer. Darüber hinaus beobachte ich die Tendenz, dass immer mehr Wohnungen in Airbnb oder Businessapartements umgewandelt werden. Es wurde einiges an Wohnraum geschaffen, aber diese Wohnungen sind teuer.
Lange waren Leerkündigungen ein Phänomen vor allem in grossen Städten wie Zürich oder Basel. Ist das auch in Schaffhausen ein Thema?
Vlah: Bis Mitte des letzten Jahres hätte ich noch gesagt, das kommt bei uns nicht wirklich vor. Dann ging es aber los. Innert kürzester Zeit wurden wir über mehrere Leerkündigungen informiert.
De Ventura: Ich schliesse mich Carmen an. Zwar war der Kanton lange weniger stark betroffen, doch der zunehmende Renditedruck auf Immobilien verändert die Situation auch bei uns. Wo maximale Rendite im Vordergrund steht, nehmen Druck auf bestehende Mietverhältnisse, Luxussanierungen oder indirekte Verdrängung zu. Das beobachten wir auch in Schaffhausen mit grosser Sorge.
Was tut die Politik, um die Wohnungsnot zu lindern?
De Ventura: Kantonal nichts, kommunal viel zu wenig. Der Regierungsrat möchte die bestehenden schwachen Unterstützungs- und Fördermassnahmen nicht ausbauen und keine zusätzlichen Massnahmen prüfen. Ausserdem betreiben der Kanton und die meisten Gemeinden keine aktive Bodenpolitik. Das heisst: Man überlässt das Wohnen weitgehend dem «Markt», obwohl dieser beim Wohnen offensichtlich nicht spielt. Die Entwicklung zeigt es deutlich: Es braucht dringend mehr Willen auf allen politischen Ebenen, gemeinnützigen Wohnungsbau, eine aktive Bodenpolitik und endlich wirksame Kontrollen der gesetzlichen Mietzinsregeln. Dagegen wehren sich SVP, FDP, Mitte und GLP jedoch erfolgreich.
Vlah: Für die Mieter*innen fühlt es sich an, als würde die Politik sie vergessen. Es wird aktuell für die Eigentümer- und Immobilienlobby gearbeitet. Geschenke wie die Streichung des Eigenmietwerts oder die abgewendeten Angriffe auf das Mietrecht sind nur zwei Beispiele. Darum werden wir als Mieterinnen- und Mieterverband aktiv: auf Bundesebene mit der Mietpreis-Initiative und lokal ebenfalls mit einem Projekt.
Sie sprechen die neue Initiative des MVSH an. Damit soll bei Wohnungsmangel eine sogenannte Formularpflicht eingeführt werden. Was heisst das genau?
De Ventura: Es bedeutet, dass Vermieterschaften bei einem Mieter*innenwechsel offenlegen müssen, wie hoch die Vormiete war und weshalb ein Mietzins erhöht wird. Das sollte doch das Normalste der Welt sein. Transparente Vormieten geben neuen Mietenden einen Anhaltspunkt, ob eine Mietzinserhöhung vorliegt und ob ein Mieter*innenwechsel ausgenutzt wird, um die Miete möglicherweise rechtswidrig zu erhöhen, was leider viel zu häufig vorkommt.
Wie hilft die Offenlegung der Vormiete im Einzelfall den Mieter*innen? Was können sie unternehmen?
De Ventura: Wenn neue Mietende sehen, dass die Miete gegenüber der Vormiete erhöht wurde und sie von einem missbräuchlichen Anfangsmietzins ausgehen, können sie die Erhöhung bei der Schlichtungsstelle für Mietsachen anfechten. Sie erhalten damit erstmals eine reale Grundlage, um ihre Rechte wahrzunehmen und einen Anfangsmietzins anzufechten. Ohne diese Transparenz wissen viele gar nicht, dass sie möglicherweise mehrere hundert Franken pro Monat zu viel bezahlen.
Vlah: Wir müssen bedenken, dass der Anfangsmietzins innert 30 Tagen ab Schlüsselübernahme angefochten werden muss. Wird dieses Zeitfenster verpasst, ist eine Anfechtung nicht mehr möglich. Grundsätzlich wollen wahrscheinlich die wenigsten Mieter*innen schon in den ersten Tagen nach ihrem Einzug gegen die neue Vermieterschaft an die Schlichtungsstelle ziehen, noch weniger wollen sie dies ohne Anhaltspunkte für eine überhöhte Rendite. Wenn ich aber weiss, in meiner Wohnung wurde überhaupt nichts gemacht, aber meine Miete beträgt 500 Franken mehr pro Monat als beim Vormieter, dann werde ich mir den Schritt mit Sicherheit überlegen.
Führt diese Transparenz tatsächlich zu einer Verbesserung der Situation?
Vlah: Ich bin überzeugt, eine Formularpflicht würde den Druck auf die Immobilienbesitzer*innen erhöhen und somit dazu beitragen, dass der Anstieg der Mieten nicht weiter in diesem Tempo voranschreitet.
De Ventura: Ja, sie löst nicht alle Probleme, aber sie ist ein wichtiger Schritt für die Mieter*innen in Schaffhausen, weil sie willkürliche und exzessive Aufschläge bei Mieter*innenwechseln deutlich erschwert. Eine transparente Vormiete wirkt auch präventiv. Ein Immobilienkonzern überlegt sich zweimal, ob und um wie viel er eine Miete bei einem Wechsel erhöht, wenn er den Aufschlag neu ausweisen muss.
Welche Chancen rechnet ihr euch für die Initiative aus?
De Ventura: Wir spüren sehr deutlich, dass immer mehr Schaffhauser*innen merken: So kann es nicht weitergehen. Es ist in den vergangenen Jahren sehr viel schwieriger geworden, eine bezahlbare Wohnung zu finden, auch für Menschen und Familien mit einem guten Einkommen. Bezahlbarer Wohnraum betrifft die Mitte der Gesellschaft. Deshalb sind wir überzeugt, dass wir die Initiative gewinnen können. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird sich die Situation weiter verschärfen. Unsere Initiative ist ein konkreter, pragmatischer Schritt, um Missbrauch einzudämmen und Mieterinnen und Mietern endlich ein Instrument zu geben, um sich gegen gesetzwidrig überhöhte Mieten zu wehren.
Vlah: Die Verzweiflung der Mieter*innen nimmt zu. Wir spüren in den Beratungen, dass immer mehr danach gefragt wird, was sie unternehmen können. Und beim Unterschriftensammeln für Initiativen begegnen uns die Menschen mit viel Interesse und mit grossem Willen, etwas zu verändern. Die Sorgen der Mieter*innen sind real. Sie spüren, dass immer weniger übrig bleibt am Ende des Monats. Ich glaube, die Menschen im Kanton Schaffhausen wollen handeln, und diese Initiative ist eine Möglichkeit, ein Instrument zu schaffen, welches gegen überhöhte Mieten wirken kann.
Linda De Ventura ist Präsidentin des Mieterinnen- und Mieterverbands Schaffhausen. Sie sitzt für die SP im Nationalrat und im Kantonsrat von Schaffhausen und ist Mitglied des Vorstands des Mieterinnen- und Mieterverbands Schweiz.

Linda De Ventura
Präsidentin MV Schaffhausen
Nationalrätin
Carmen Vlah ist Geschäftsführerin des Mieterinnen- und Mieterverbands Schaffhausen und berät MV-Mitglieder bei mietrechtlichen Fragen und Problemen.

Carmen Vlah
Geschäftsleiterin