
12.05.2026
51 Leerkündigungen in Arbon
Die Zersiedelung stoppen geht nur mit Siedlungsentwicklung nach innen. Aber bitte mit und nicht gegen die Mietenden.
Was bisher vor allem in der Stadt Zürich zu reden gab, passiert nun auch am Bodensee: In Arbon sollen zwei Wohnblöcke mit insgesamt 51 Wohnungen abgebrochen und durch fünf neue Gebäude mit 77 Wohnungen ersetzt werden. 28 Mietende haben die Kündigung auf Ende Februar 2027 erhalten, 23 weitere auf ein Jahr später. Für die erste Etappe sollen die Bagger im März 2027 auffahren.
Mietrechtlich zulässig
Mietrechtlich ist gegen die Leerkündigung kein Kraut gewachsen. Seit 1.2.2026 gilt in der Stadt Arbon ein neues Baureglement, welches eine dichtere und höhere Bebauung zulässt. Die Eigentümerschaft argumentiert, man habe die Kündigung zu Gunsten der Mietenden möglichst frühzeitig ausgesprochen. Ob aber bis Februar 2027 wirklich eine Baubewilligung vorliegt, bleibt vorerst offen.
Arbon verliert auf einen Schlag 51 zahlbare Wohnungen. Bis jetzt wurden den Gekündigten keine konkreten Angebote gemacht, abgesehen von einer Hotline ab Juni. Noch ist offen, ob das mehr als heisse Luft bleibt.

Verdichten stoppt die Zersiedelung der Landschaft, kann aber zulasten von Grünflächen in den Quartieren gehen.
Tiefe Mieten, hohe Nebenkosten
Unter den zum Teil hochbetagten Mietenden wohnen einige seit Bau der Wohnblocks 1969 bzw. 1970 im Obstgartenquartier. Andere zogen erst im April 2025 ein, darunter ein frisch verheiratetes Paar. Dieses hatte sich auf ein langjähriges Mietverhältnis eingestellt und massgefertigte Möbel angeschafft. In den Liegenschaften wohnen auch Familien mit Kindern.

Dank Tiefgaragen fallen aber auch versiegelte Strassen- und Parkplatzflächen weg.
Die Mieten liegen im unteren Preissegment. So kostet eine 4,5-Zimmerwohnung mit ca. 100 m2 rund CHF 1100 pro Monat. Dafür liegen die Akonto-Zahlungen für die Nebenkosten bei realistischen CHF 400: Die Dämmung der Gebäudehülle ist nicht mehr zeitgemäss. Fenster, Küchen und Bäder wurden jedoch vor etwa 10 Jahren erneuert. Als am 8. April der Pöstler bei allen 51 Miethaushalten klingelte, war das wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Die beiden Wohnblöcke gehören der ABV Liegenschaften AG mit namhafter Beteiligung von Stadt und Bürgergemeinde Arbon. Einsitz im Verwaltungsrat haben neben dem Stadtpräsidenten René Walther auch Domenic Näf als Präsident der Bürgergemeinde.
Die politischen Spitzen Arbons verstecken sich hinter dem Verwaltungsratspräsidenten der ABV Liegenschaften AG. Und diese wiederum überlässt einer Verwaltung mit Sitz in der Stadt St.Gallen die Abwicklung der Leerkündigungen. Niemand der Verantwortungsträger stellt sich persönlich den geschockten und enttäuschten Mieterinnen und Mietern. Die Stadt Arbon verpasste die Chance zu zeigen, wie man den eigenen Mietenden, Einwohnerinnen und Bürgern begegnet.